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HEIME VOLLER BEZIEHUNGSWAISEN

Es ist Liebe. Es ist immer Liebe. Nein, viel eher ist es das Nichtvorhandensein von Liebe. Das Sehnen nach und das Hoffen auf.

Es ist das morgens Aufwachen, der Griff zum Nachttisch und aufs Handy gucken: Hey, vielleicht heute über Nacht kam endlich einem die Erleuchtung: Beziehung! Jetzt! Und zwar nur mit dir. Doch statt Herzchen-Emojis ein schwarzes Display, das nur das eigene, vom Schlafen noch verquollene Gesicht zeigt.

Es ist die Aufregung, die aufkommt bei dem roten Icon. Eine neue Freundschaftsanfrage. Kurzes Überlegen: vielleicht noch vom Wochenende? Da die eine kurze Sequenz an der Bar, das war schon nett, das kann schon im Gedächtnis bleiben. Ich glaube, ich habe auch gelacht. Ich hoffe, ich habe nur adrett gelächelt. Nach einem Klick: es ist doch nur der Nebensitzer aus der Grundschule. Warum auch immer jemand, der zwanzig Jahre nicht an meinem Leben teilgenommen hat, jetzt wieder im Team sein möchte.

Es ist das Zweipunktnull, das uns jeden sofort kennen lernen lässt. Oder einen Eindruck vermittelt. Auslegung des Charakters ist dann natürlich unsere Sache. Geduld ist nicht mehr en vogue, man kann doch alles jetzt gleich sofort erfahren. Geduld war halt auch noch nie einfach. Macht die Sache irgendwie leichter.

Wer beim ersten Treffen das Meiste über den anderen schon weiß, erstaunt diesen nicht mal mehr. Es ist gang und gäbe, Suchfeld und Enter. Wer zuvor nicht gestalked hat – ja, hat der dann überhaupt Interesse?

Leben, das ist die Jagd nach Beziehung. Das höchste Gut, der heilige Gral, die Access All Areas Karte: Ist in einer Beziehung mit. Mit wem? Ja manchmal ist das egal, denn wenn nicht mit dem, dann halt mit dem nächsten. Ist eigentlich in einer Beziehung mit einer Position, einem Gerüst und dem absoluten Ideal. Denn wer ist schon vollkommen – ohne Partner? Eine ganze Generation gefüllt mit Unfähigkeiten, Heime voll mit Beziehungswaisen. Jeder sucht sein DeckelYangPerfectmatch. Jeder strebt nach Selberverwirklichung. Ha, dann kann‘s ja nichts werden.

 

Völliger. Quatsch.

 

Denn wir vergessen diese eine Kleinigkeit. Hey, nicht wichtig, ist echt nur, also ganz banal eigentlich, jetzt auch kein riesen Drama, ich wollte nur kurz drauf aufmerksam, weil ich dachte, vielleicht interessiert es:

 

Alles ist Beziehung.

 

Die Frau an der Kasse, Familie, der Hausarzt, Freunde, der Hamster, die Basilikumpflanze auf dem Balkon – und natürlich ich selbst. Auch wieder bezeichnend: da steht die wichtigste aller Beziehungen in einem Leben an letzter Stelle. Fehler erkannt, jetzt weiter wie bisher. Aber nein, heute nicht mehr.

Alle predigen self love and confidence. Aber geht da auch jemand hin? Denn stell dir vor, es ist …

Ist ja auch wichtig, sich lieb zu haben. Aber lieb haben ist noch keine Liebe ist noch keine Beziehung. Liebe ist Arbeit. Liebe ist Geben und Nichts erwarten. Liebe ist aushalten und aktiv werden. Liebe ist halten und frei lassen. Liebe ist streiten und versöhnen. Liebe ist kompliziert. Und fuck, ist Liebe anstrengend.

 

Manchmal habe ich Streit mit mir selber. Ich bin anstrengend und vorübergehend möchte ich mich gerne von mir trennen. Beziehungspause zu dem Ich, das heute irgendwie am Durchdrehen ist. Aber natürlich ist die wichtigste Beziehung im Leben auch die, aus der man nicht kurzzeitig aussteigen kann. Liebe ist aushalten. Ist auch, sich mit sich selber an einen Tisch zu setzen und mal Klartext zu reden. Zu fragen. Was ist eigentlich los? Zu motivieren. Mit mir kannst du wirklich reden. Zuzuhören. Und zu sagen: Hey, wir beide bekommen das hin. Also ich. Liebe ist Arbeit. Aber Liebe ist es wert. Und welche, wenn nicht meine?